Von Ritualen, Routinen und Dogmen

Text aktualisiert am 15.04.2021

In jedem Magazin, auf jedem Blog, jeder Internetseite, auf Instagram und Facebook, im Fernsehen und Podcasts: überall wird sie gepriesen, die Morgenroutine. Und alle übertrumpfen sich geradezu damit, wer die bessere, längere, intensivere Routine hat und wer am frühesten aufsteht.

Ich selber hatte auch jahrelang eine und war eine Predigerin der Morgenroutine. Eine relativ strenge sogar: 05:00 Uhr aufstehen, ayurvedische Morgenroutine, Yoga, Meditieren, Journaling, spazieren gehen, usw. usf.

Als ich mit meiner Routine begonnen habe, war ich noch recht begeistert davon. Nach einigen Monaten wunderte ich mich jedoch, warum ich denn seit Wochen immer den ganzen Tag so gereizt war. Morgens stieg ich aus dem Bett um mit Unlust alle meine Praktiken zu abzuhaken, bevor ich um halb sieben die Kinder wecken musste. Ich verlor den Spaß an meiner Praxis und war den ganzen Tag gereizt und genervt.

Dennoch wollte ich nicht damit aufhören, denn schließlich hört und liest man ja überall, dass ein guter Ayurvedi und Yogi immer mit der Sonne aufstehen muss – praktisch war ich da schon ein Versager weil ich nicht um 4 Uhr sondern erst um 5 Uhr aufgestanden bin.

Bis es mir dann dämmerte: vielleicht tut mir meine Morgenroutine doch nicht so gut. Sie bereitete mir Stress bereits am Morgen, Frust, Hektik und ein permanentes Gefühl des Versagens, weil ich immer noch nicht alles unterbringen konnte, was „die anderen“ so unterbringen und es noch nicht geschafft hatte, um 04 Uhr aufzustehen. Heute kann ich darüber nur mehr den Kopf schütteln.

Wie verblendet kann ein Mensch sein?

Wie negieren unsere eigenen Bedürfnisse und Rhythmen, um anderen Lehren und Lehrern zu folgen, die möglicherweise nicht zu uns passen, ohne es auch nur einmal zu hinterfragen und an die eigenen Lebenswelt zu adaptieren. Hallo Ego, kann ich da nur sagen und nehme mich dabei ausdrücklich selbst an der Nase!

JA: Es ist super, wenn jemand um 04 Uhr aufsteht und 2,5 Stunden seine Rituale praktiziert und es ihm blendend dabei geht und er vor Energie sprüht. Aber es ist ebenfalls völlig super, wenn man um 06 Uhr aufsteht und nicht praktiziert, sondern dies halt eben zu einer andere Zeit machen möchte, weil es demjenigen einfach besser damit geht. Und man kann auch damit vor Energie sprühen.

Im Zuge dieser „Erkenntnis“ habe ich meine komplette Morgenroutine ausgemistet, Dogmen und Regeln über Bord geworden und mich mit meinen eigenen Bedürfnissen auseinandergesetzt.

Es hat lange gedauert, aber letzten Endes habe ich es doch gelernt: wenn man die Möglichkeit dazu hat (also wenn man nicht Schichtarbeit bzw. Nacht- oder Frühdienste hat, kleine Kinder oder sonstige Gründe hat) darf man seinen Morgen ganz unbeschwert und undogmatisch beginnen. Zu einer Zeit, die zum eigenen Biorhythmus passt. Ganz ohne Regeln oder Druck!

Ich stehe jetzt um 06 Uhr auf, gehe ins Bad und dann direkt in die Küche zu einem guten Frühstück – mit Zeitung – gemeinsam mit den Kindern. Wenn ich die Kinder in der Schule abgeliefert habe, gehe ich 30 bis 60 Minuten spazieren. Wenn ich Zeit habe mache ich jetzt Yoga, sonst am Abend. Das wars auch schon. Nicht mehr. Nicht weniger.

Meine Erkenntnis daraus:

  • Ich lebe ganz fantastisch ohne Morgenroutine. Ich brauche keine ausgefuchste Routine am Morgen, um gut und gelassen in den Tag zu starten. Morgens bin ich von Haus aus geerdet und entspannt. Meine Gedanken plätschern ruhig dahin und ich bin voller Energie. Schließlich habe ich gerade 7 – 8 Stunden geschlafen.
  • Es ist für mich sinnvoller, ausreichend lange zu schlafen und guten Schlaf zu unterstützen und zu fördern um morgens dann erholt und voller Energie aus dem Bett zu springen.
  • Mein persönlicher Schwachpunkt ist und war niemals der Morgen, sondern der Abend. So ab ca. 17:00 Uhr merke ich, wie ich ausbrenne. Müde und erschöpf werde, leicht reizbar bin und trotzdem noch zu viel Energie im Kopf und Körper verspüre. Ich spüre den Stress in mir, der sich den ganzen Tag aufgebaut hat (denn auch die Beste aller Morgenroutinen könnte es niemals verhindern, dass wir Stress empfinden und aufbauen). Ich bemerke die Unruhe, werde fahrig (das merke ich daran, dass mir Dinge aus den Händen fallen und ich mich öfter an Ecken, Türen und Kanten anstoße oder stolpere). Meine Gedanken rasen von alle den Eindrücken des Tages und kommen nicht von alleine zur Ruhe.

Der Shift vom Morgen zum Abend

Aus den oben genannten Gründen brauche ich also eine solide und beruhigende Abendroutine dringender, als ich eine Morgenroutine brauche. Leider war ich zu verblendet um das früher zu erkennen.

Der Schwerpunkt des Tages liegt nun am Abend:

All die schönen Dinge, welche ich sonst immer morgens – unter Stress – gemacht, mache ich nun ganz entspannt Abends, um wirklich runterzukommen:

  • Ich schreibe im Journal um meine Gedanken zu ordnen.
  • Ich mache Yoga und meditiere, um meine Körper und Gedanken runter zu fahren.
  • Ich lese (oder schreibe, stricke oder werde kreativ im ArtJournal) um mich zu entspannen.
  • Ich gehe ins Bad und mache meine Trockenbürsten und Selbstmassage Routine, weil ich eben lieber abends Dusche. Oder noch besser: ein Vollbad nehme.
  • Ich mache Jin Shin Jyutsu um meine Energien zu lenken und Blokaden im Energiefluss zu lösen.
  • usw.

Keine Dogmen bitte

Meine Routine ist nun nicht mehr in Stein gemeißelt. Ich mache das, was mir gerade am meisten zusagt und zwar dann, wenn es sich für mich an diesem Tag am besten anfühlt. Es kann auch sein, dass ich am Nachmittag mein Journal schnappe und darin schreibe, wenn sich die Gelegenheit dazu bietet oder schnell am Vormittag in meinem ArtJournal arbeite.

Denn auch das habe ich dadurch gelernt: dass ich eben ein Mensch bin, der viel Freiheiten in seinem Alltag braucht. Und auch wenn ich Routinen und Rituale liebe, brauche ich immer die Möglichkeit sie flexibel und anpassbar gestalten zu können.

Ich habe nach wie vor einige Tätigkeiten und Praktiken, die ich unumstößlich an jedem einzelnen Tag im Jahr mache. (Yoga, Meditation, Jin Shin Jyutsu, ArtJournal, Journaling, lesen, spazieren gehen, ätherische Öle, usw.). Aber wann bzw. zu welchem Zeitpunkt genau das ist, dass lege ich jeden Tag aufs Neue fest . So wie es halt gerade am besten in meinen Tag, meine Zeit, meine Arbeit und meine Familie passt. Das ist gelebte Selbstfürsorge.

Mach dich frei von fixen Ideen und Regeln, wie ein spiritueller Alltag aussehen soll. Das Leben und der Alltag sind extrem persönliche Dinge, darum steht es niemanden zu, darüber zu urteilen, wann, wie und wo du deine persönlichen Routinen zu gestalten hast.

Routinen sind super, aber es steht dir immer und zu jeder Zeit frei, sie zu ändern, neu zu gestalten und anzupassen. Ohne schlechtes Gewissen!

Abend schlägt Morgen um Längen

Bei mir ist es tatsächlich so: meine Abendroutine schlägt meine Morgenroutine um Längen und seit ich alle Dogmen über Bord geworfen habe, bin ich wieder um einiges entspannter im Leben.

Fühlst du dich angesprochen? Kennst die oben beschriebenen Gefühle auch? Stresst dich deine Morgenroutine? Dann empfehle ich dir, es einmal mit einer vernünftigen Abendroutine zu versuchen.

Oder du tauscht einfach mal den Morgen komplett gegen den Abend und schaust, was dir besser hilft.

Integriere in deine Routinen die Dinge und Aktivitäten, die dich am meisten ansprechen und das zu einer Zeit am Tag, die für dich am ehesten passt. Das ist für jeden von uns etwas anderes – jedes Leben, jeder Alltag sind schließlich anders.

Wichtig ist mir einfach, dass du auch in diesem Punkt ganz auf deinen Körper hörst. Ja, eine Morgenroutine ist gerade „in“ und wird gehypt, aber sie passt nicht zu jedem Menschen. Lass dir nichts einreden und tue, was für dich am Besten funktioniert.

Wenn das heißt, dass du morgens um 4 aufstehst ist das super für dich! Aber wenn es heißt, dass du lieber bis 7 Uhr schläfst, ist es auch in Ordnung. Alles bitte ohne Dogmen und so, wie es zu jedem Leben, zu jedem Alltag und zu jeder Person bzw. Familie passt.

Und vor allem: lasst uns niemals vergessen und dankbar dafür sein, was für ein Luxus & Geschenk es ist, dass wir uns überhaupt über den Sinn oder Unsinn einer Morgenroutine Gedanken machen dürfen!

Alles Liebe

Angelika

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