Allgemein, Spiritualität, Yoga für den Geist
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Geht Yoga auch als Christ?

Ein Outing: ich bin Christin. Ich praktiziere nicht so stramm, wie ich es vermutlich sollte. Schwänze zu oft den Gottesdienst und meine stille Zeit kommt momentan viel zu kurz. Dafür singe ich im Kirchenchor, gehe jede Woche zur Probe und freue mich auf die wenigen Gottesdienste, die wir als Chor mitgestalten dürfen (btw: das ist für mich Selbstfürsorge pur: Zeit für mich).

Ich rede auch täglich mit Gott, das kann ich ruhig Gebet nennen, auch wenn es keiner offiziellen Form entspricht. Ich trage ein Kreuz um den Hals und habe eines in meinem Eingangsbereich hängen. Und ich praktiziere Yoga. Sehr gerne sogar.

Nun ist es so: bereits vor einigen Jahren habe ich auf einem christlichen Blog gelesen, dass die Kirche den Gläubigen eher von Yoga abrät, da es doch so viele hinduistische Heilige verehrt und vor allem: diese Mantren! Huch, Teufelszeug. Und die Inder haben ja so viele Götzen überall rumstehen: Vishnu und Kali und Shiva und Lakshmi. Sie alle lächeln von Bildern auf die braven Christen herab und grinsen uns als Statuen schon im Eingangsbereich der Yogastudios zu. Das ist Versuchung! Und Götzendienst!

So. Ich bin nicht mit allem einverstanden, was in meiner (katholischen) Kirche und in Namen meines Glaubens geschieht. So auch mit dieser Aussage nicht.

Denn ich bin der Meinung: JA, Yoga ist für alle da, auch für uns Christen.

Wir werden unterschätzt

Unser Glaube und unsere Standhaftigkeit werden stark unterschätzt, wenn die Autoren oben genannter Zeilen denken, dass uns ein paar Bilder und Statuen zum „falschen“ Glauben verleiten würden.

Ich finde diese Statuen sehr, sehr schön und ich mag auch die Bilder. Ich weiß, dass diese Götter für sehr viele Menschen auf der Welt sehr viel bedeuten und das respektiere ich. Aber ich hatte noch nie, in meiner über 10 jährigen Yoga-Erfahrung das Bedürfnis, Hindu zu werden. Und so geht es unzähligen anderen, christlichen Yogis auch.

Die wenigen Menschen die tatsächlich zum Hinduismus oder Buddhismus (oder was auch immer, die Auswahl ist groß) konvertieren, tun dies aus einem tiefen Bedürfnis heraus und nicht, weil sie in einem Yogastudio ein paar Mantren geträllert und bunte Bildchen angeschaut haben.

So wie es übrigens immer ist, wenn jemand seine Religion aufgibt und sich einer anderen zuwendet: die Gründe dafür sind tiefgehender und persönlicher, als es oberflächliche Symbole und Statuen je sein könnten.

Und wenn sich die Kirche sorgen macht, unzählige Schäfchen zu verlieren, dann sollte sie besser vor der eigenen Tür kehren und darauf achten, dass die Schäfchen alle zeitgemäß abgeholt werden – anstatt auf alten, festgefahrenen Pfaden zu beharren.

Denn wenn die Kirche nicht mit der Zeit geht, werden sich noch mehr von ihr abwenden – und evtl. anderen Religionen zu. Und auch daran sind keine Yogaübungen oder Mantren schuld, sondern die jahrzehntelangen Versäumnisse und Modernisierungsverweigerung der Kirche.

Wir können uns anpassen

Was die Autoren auch übersehen ist die Vielzahl an Anpassungsmöglichkeiten, die uns der Yoga bietet:

  • Ich kann jedes Gebet, jedes Mantra, auf Jesus beziehen.
  • Ich kann meine eigenen Mantren gestalten.
  • Ich kann auch statt der Japa-Mala Meditation einen Rosenkranz beten.
  • Oder als Mantra für die Japa Mala einen Satz aus der Bibel oder Psalm auswählen.
  • Ich kann mir auf den Altar bei meinem Yoga-Platz ein Kreuz hängen oder stellen, anstatt eines Elefanten-Gottes.
  • Ich kann auch mit den Hindu-Gottheiten meditieren und sie als Aspekte meines Gottes betrachten: Glück, Liebe, Erfolg, Trauer, Tod, usw.

Wir haben vieles gemeinsam

Und zu guter Letzt vergessen die Autoren, das der Weg des Yoga und das Christentum viele Gemeinsamkeiten bieten:

  • Auch bei uns wird für den spirituellen Kontakt gut geräuchert: mit hochwertigem Weihrauch, statt Räucherstäbchen oder Räucherholz.
  • Auch das Christentum verwendet Mantren: Nämlich Psalmen. Oder Gesätze, die immer wieder wiederholt werden.
  • Der Weg des Yoga propagiert das gleiche, wie die Bibel: Keine Gewalt, nicht lügen, nicht stehlen, Dienst an anderen, Barmherzigkeit und Mitgefühl, Nächstenliebe, Reinheit, Hingabe und Vertrauen auf das Göttliche, usw. Genannt wird dies im Yoga die Yamas und Niyamas und das ausüben, die Beschäftigung und Meditation mit diesen moralischen Prinzipien und Verhaltensregeln kann ich jedem Yogi, sowie jedem Christen – und überhaupt allen Menschen dieser Welt – nahe legen.
  • Was im Yoga die Meditation ist, ist im Christentum die Kontemplation. Es ist beides das gleiche: das versenken der Gedanken, das arbeiten mit bestimmten Themen, die Ruhe des Geistes, das tiefe Gebet, konzentriert-beschauliches Nachdenken.
  • Der Yogaweg ist eine sehr spirituelle Lebensweise und richtet sich auf die tiefe Verbundenheit mit dem großen Ganzen und dem Universum. Und wie ich es empfinde, ist dies das Christentum auch.
  • Auch das Christentum verfügt über seine Gurus: nur sind es bei uns alle Heiligen mit ihren Geschichten und Lehren, alle Pfarrer , Predigerinnen und Geistliche, die sich jede Woche aufs Neue bemühen, eine spannende Lehre in den Gottesdienst einfließen zu lassen, alle Lehrer/Innen und Autoren/Innen, alle Künstler und Gelehrte.

Also ja, ich bin der Meinung das Yoga allen Menschen gut tut. Vom körperlichen Benefit mal ganz abgesehen, ist der spirituelle Aspekt dieser Lebensweise bereichernd für uns alle – egal aus welchen Religionen wir kommen.

Und wenn wir nur ein wenig Bereitschaft für Anpassung und Akzeptanz mitbringen, kann dieser Pfad für uns alle einen großen Gewinn bringen.

Also nieder mit Dogmen, falschen Informationen und einseitigen Idealen: jede Religion, jeder Glaube, jeder Weg hat seine Vorteile und Nachteile. Man muss auch nicht alles davon mögen oder praktizieren. Man kann vieles anpassen und verändern um es in das eigene Leben zu integrieren.

Darum sollten wir endlich lernen das Schöne aus allen Bereichen des Lebens zu akzeptieren und auch einmal um die Ecke zu denken, anstatt stur in unserem Kämmerlein zu hocken und darauf zu pochen, das nur altbewährtes gut ist.

Alles liebe

Angelika

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