Geht Yoga auch als Christ?

Dieser Artikel entstand aufgrund einer sehr interessanten Anfrage einer Leserin. Ich erwähne ja des öfteren, dass ich Yoga praktiziere und emsig meditiere. Eines Tages bekam ich eine Nachricht einer Leserin, welche erwähnte, sie tue sich schwer mit diesen östlichen Praktiken, da diese doch alle von fremden Glauben beeinflusst wären. Sie würde gerne mehr Yoga machen, aber irgendwie findet sie als Christin keinen richtigen Bezug dazu.

Dann erinnerte ich mich daran, dass ich bereits vor einigen Jahren auf einem christlichen Blog gelesen habe, dass die Kirche den Gläubigen eher von Yoga abrät, da es doch so viele hinduistische Heilige verehrt und vor allem: diese Mantren! Huch, Teufelszeug. Und die Inder haben ja so viele Götzen überall rumstehen: Vishnu und Kali und Shiva und Lakshmi. Sie alle lächeln von Bildern auf die braven Christen herab und grinsen uns als Statuen schon im Eingangsbereich der Yogastudios zu. Das ist Versuchung! Und Götzendienst!

Und tatsächlich hatte auch ich zu Beginn immer innere Widerstände gegen die allgemeine Auffassung, dass Yoga immer „indisch“ sein muss. Wenn man Yogis im Internet und in den sozialen Medien folgt, könnte man tatsächlich auf den Gedanken kommen, dass es ein MUSS wäre, sich indische Götter auf den Hausaltar zu stellen oder sich mit hinduistischen Symbolen auf dem persönlichen Kraftplatz zu umgeben, wenn man ein/eine „guter“ Yogi / Yogini sein will.

Wenn es dir gefällt ist das super so und gut, wie es ist. Wenn es dir nicht gefällt: fühle dich frei, deinen Kraftplatz so zu gestalten, wie es zu dir und deinem Glaubenssystem passt.

Auch wenn Yoga ursprünglich aus Indien stammt, kann man diese wunderbare Praxis auch ohne indischen Religionshintergrund praktizieren. Man kann diese Praxis ganz wunderbar in die eigene Glaubenswelt integrieren. Ich bin der Meinung: JA, Yoga ist für alle da, für jeden der es braucht und davon profitiert. Auch für uns Christen.

Wir Christen werden unterschätzt

Unser Glaube und unsere Standhaftigkeit werden stark unterschätzt, wenn die Autoren oben genannter Zeilen denken, dass uns ein paar Bilder und Statuen zum „falschen“ Glauben verleiten würden.

Ich finde diese Statuen sehr, sehr schön und ich mag auch die Bilder. Ich weiß, dass diese Götter für sehr viele Menschen auf der Welt sehr viel bedeuten und das respektiere ich. Aber ich hatte noch nie, in meiner über 10 jährigen Yoga-Erfahrung das Bedürfnis, Hindu zu werden, nur weil ich ziemlich oft Bilder und Statuen von indischen Heiligen und Göttern sehe. Und so geht es unzähligen anderen, christlichen Yogis auch.

Die wenigen Menschen die tatsächlich zum Hinduismus oder Buddhismus (oder was auch immer, die Auswahl ist groß) konvertieren, tun dies aus einem tiefen Bedürfnis heraus und nicht, weil sie in einem Yogastudio ein paar Mantren geträllert und bunte Bildchen angeschaut haben. Sie tun es, weil sie in ihrem bestehenden Glaubenssystem keinen Halt oder keinen Sinn für sich selbst entdecken können. Oder weil sie sich von der Kirche im allgemeinen alleingelassen fühlen. So wie es übrigens immer ist, wenn jemand seine Religion aufgibt und sich einer anderen zuwendet: die Gründe dafür sind tiefgehender und persönlicher, als es oberflächliche Symbole und Statuen je sein könnten.

Und wenn sich die Kirche Sorgen macht, unzählige Schäfchen zu verlieren, dann sollte sie besser vor der eigenen Tür kehren und darauf achten, dass die Schäfchen alle zeitgemäß abgeholt werden – anstatt auf alten, festgefahrenen Pfaden zu beharren und dann dem Yoga die Schuld zu geben.

Denn wenn die Kirche nicht mit der Zeit geht, werden sich noch mehr von ihr abwenden – und evtl. anderen Religionen zu. Und auch daran sind keine Yogaübungen oder Mantren schuld, sondern die jahrzehntelangen Versäumnisse und Modernisierungsverweigerung der Kirche.

Wir können uns anpassen

Was die Autoren auch übersehen ist die Vielzahl an Anpassungsmöglichkeiten, die uns der Yoga bietet:

  • Ich kann jedes Gebet, jedes Mantra, auf Jesus beziehen.
  • Ich kann meine eigenen Mantren gestalten.
  • Ich kann auch statt der Japa-Mala Meditation einen Rosenkranz beten.
  • Oder als Mantra für die Japa Mala einen Satz aus der Bibel oder Psalm auswählen.
  • Ich kann mir auf den Altar/Kraftplatz bei meinem Yoga-Platz ein Kreuz hängen oder stellen, anstatt eines Elefanten-Gottes.
  • Ich kann auch mit den Hindu-Gottheiten meditieren und sie als Aspekte meines Gottes betrachten: Glück, Liebe, Erfolg, Trauer, Tod, usw. Alle Götter sind ein Gott!
  • Ganz viele Praktiken aus dem Yoga oder spirituellen Praktiken sind auch ohne religiösen Hintergrund möglich (ZB Chakrenmeditation, Energiearbeit, usw.)
  • Gott hat uns nach seinem Ebenbild erschaffen: also warum sollte es dann schlimm sein, wenn man sich mit der eigenen Aura, Energie, Chakren, usw. beschäftigt? Hat doch Gott auch diese erschaffen und er wird sich schon etwas dabei gedacht haben. Seit dem Baum der Erkenntnis hat Gott nichts mehr erschaffen, von dem er nicht wollte, dass wir es benutzen. In Folge dessen hat er auch unseren Energiekörper erschaffen und lädt uns zur Arbeit damit ein. Gott ist kein Dummkopf, er wusste genau was er tut und was er kreiert!
  • Genauso wie Gott die Natur (und deren Kräfte) und alles um uns herum erschaffen hat. Warum also sollte es falsch sein, wenn man sich mit den Kräften der Natur auseinandersetzt und sie aktiv nutzt, wenn doch Gott sie genauso erschaffen hat? Wenn man diese nicht nutzt und als Hexerei oder Blasphemie abtut, ist es für mich eher so, als würde die Menschen versuchen klüger als Gott zu sein und versuchen, ihm zu erklären, wie sein Werk genutzt werden sollte. Das wäre im Prinzip das gleiche wie wenn ein Künstler ein Bild erschafft und der Betrachter erklärt dann dem Künstler, was das Bild zu bedeuten hat. Verrückt oder? Wenn Gott nicht wollte, dass wir bestimmte Dinge und Energien nutzen, dann hätte er sie nicht erschaffen. So einfach ist das.

Wir haben vieles gemeinsam

Und zu guter Letzt vergessen die Autoren, das der Weg des Yoga und das Christentum viele Gemeinsamkeiten bieten:

  • Auch bei uns wird für den spirituellen Kontakt gut geräuchert: in unserer Tradition halt mit Weihrauch, statt Räucherstäbchen oder Räucherholz, aber der Sinn dahinter ist derselbe.
  • Auch das Christentum verwendet Mantren: Nämlich Psalmen, Gebete und Gesätze, die immer wieder wiederholt werden.
  • Der Weg des Yoga propagiert das gleiche, wie die Bibel: Keine Gewalt, nicht lügen, nicht stehlen, Dienst an anderen, Barmherzigkeit und Mitgefühl, Nächstenliebe, Reinheit, Hingabe und Vertrauen auf das Göttliche, usw. Genannt wird dies im Yoga die Yamas und Niyamas und das ausüben, die Beschäftigung und Meditation mit diesen moralischen Prinzipien und Verhaltensregeln kann ich jedem Yogi, sowie jedem Christen – und überhaupt allen Menschen dieser Welt – nahe legen.
  • Was im Yoga die Meditation ist, ist im Christentum die Kontemplation. Es ist beides das gleiche: das versenken der Gedanken, das arbeiten mit bestimmten Themen, die Ruhe des Geistes, das tiefe Gebet, konzentriert-beschauliches Nachdenken.
  • Der Yogaweg ist eine sehr spirituelle Lebensweise und richtet sich auf die tiefe Verbundenheit mit dem großen Ganzen und dem Universum. Und wie ich es empfinde, ist dies das Christentum auch.
  • Auch das Christentum verfügt über seine Gurus: nur sind es bei uns alle Heiligen mit ihren Geschichten und Lehren, alle Pfarrer , Predigerinnen und Geistliche, die sich jede Woche aufs Neue bemühen, eine spannende Lehre in den Gottesdienst einfließen zu lassen, alle Lehrer/Innen und Autoren/Innen, alle Künstler und Gelehrte.
  • Der Glaube der Hindus sowie der Christen beginnt mit dem gleichen Ansatz: Am Anfang war das Wort! Auch Hindus sind der Meinung, das es eine Ursilbe gibt (OM bzw. AUM). Der Klang AUM (sprich: OM) steht für den transzendenten Urklang, aus dessen Vibrationen nach hinduistischem Verständnis das gesamte Universum entstand. Wie auch wir Christen davon überzeugt sind, dass Gott alleine durch sein Wort die Welt und das Universum erschaffen hat.

Also ja, ich bin der Meinung das Yoga allen Menschen gut tut. Vom körperlichen Benefit mal ganz abgesehen, ist der spirituelle Aspekt dieser Lebensweise bereichernd für uns alle – egal aus welchen Religionen wir kommen. Blicke auf das Verbindende wäre empfehlenswerter, als das ständige Geschiele auf das Trennende. Und liebe Kirche und Glaubensvertreter: es ist nicht ratsam, dogmatisch andere spirituelle Praktiken abzulehnen, aus reiner Unwissenheit, Intoleranz und Bequemlichkeit: denn meistens steht einfach die mangelnde Bereitschaft hinter solchen Aussagen (siehe ganz oben), sich mit diesen Themen ausreichend auseinander zu setzen bzw. mal vor der eigenen Tür zu kehren.

Und wenn wir nur ein wenig Bereitschaft für Anpassung und Akzeptanz mitbringen, kann dieser Pfad für uns alle einen großen Gewinn bringen.

Also nieder mit Dogmen, falschen Informationen und einseitigen Idealen: jede Religion, jeder Glaube, jeder Weg hat seine Vorteile und Nachteile. Man muss auch nicht alles davon mögen oder praktizieren. Man kann vieles anpassen und verändern um es in das eigene Leben zu integrieren.

Darum sollten wir endlich lernen das Schöne aus allen Bereichen des Lebens zu akzeptieren und auch einmal um die Ecke zu denken, anstatt stur in unserem Kämmerlein zu hocken und darauf zu pochen, das nur altbewährtes gut ist.

Und falls du dich jetzt fragst: ja, ich bin Christin.

Alles liebe

Angelika

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